Mit Beginn der WM entsteht ein Raum, in dem Gefühle sichtbarer werden als sonst, weil Menschen sich in einer gemeinsamen Bewegung befinden, die sie emotional trägt, ohne dass sie erklären müssen, warum sie gerade so reagieren. Es ist ein Moment, in dem sich zeigt, wie stark kollektive Situationen Emotionen freisetzen können, die im Alltag oft reguliert, verschoben oder in stillere Formen gegossen werden.
Warum Männer im Fußballkontext anders fühlen
Vor allem bei Männern lässt sich beobachten, dass Emotionen, die im privaten Kontext eher kontrolliert oder zurückgehalten werden, plötzlich offen zutage treten, weil der Rahmen es erlaubt und weil die kollektive Stimmung eine Art Schutz bietet, der im persönlichen Gespräch häufig fehlt. Gefühle, die im Alltag vorsichtig dosiert werden, dürfen im Stadion oder vor dem Fernseher lauter werden, weil sie nicht persönlich gemeint sind, sondern Teil eines gemeinsamen Erlebens.
Was die Forschung zur WM 2018 zeigt
Die Studie von Götz und Kolleginnen zur WM 2018 zeigt, dass Zuschauer starke emotionale Schwankungen erleben, die sich eng an den Verlauf des Spiels anlehnen und sich verstärken, wenn viele Menschen gleichzeitig schauen. Es ist weniger ein individuelles Erleben als ein gemeinsames Schwingen, das sich überträgt und dadurch leichter zugänglich wird. Die Intensität entsteht nicht nur durch Fan‑Status, sondern vor allem durch die kollektive Situation, in der Emotionen geteilt werden.
Ein persönlicher Moment, der mehr über Emotionsregulation erzählt als über Sport
Ich habe diese Dynamik nicht zuerst im Stadion verstanden, sondern in einer Beziehung, in der ein Partner mich vergessen hatte und später sagte, ich müsse es nachvollziehen können, weil Fußball seine erste und längste Beziehung sei. Er war nicht erreichbar gewesen, weil er ein entscheidendes Spiel schaute, es ging um den Abstieg oder Verbleib in der Liga. Diese Aussage erzählte mehr über Emotionsregulation als über Sport. Er zeigte, wie tief verankert bestimmte emotionale Räume sein können und wie selbstverständlich manche Männer sich in ihnen bewegen, während andere Räume für sie schwer zugänglich bleiben.
Emotionen im Kollektiv und Emotionen im Privaten
Im Workshop zum Theaterstück „Spielerfrauen“ habe ich darüber gesprochen, wie Männer im Stadion weinen können, aber im Alltag kaum über ihre Gefühle sprechen, wie sie im Kollektiv Nähe empfinden, aber im Privaten Distanz halten, und wie sie im Lärm eines Spiels emotional aufgehen, während sie im Gespräch mit einer nahestehenden Person vorsichtig, kontrolliert oder zurückhaltend bleiben. Es wurde deutlich, dass es nicht um fehlende Emotionen geht, sondern um die Frage, wo sie sichtbar werden dürfen und wo nicht.
Was diese Muster über Beziehungen verraten
Es geht dabei nicht um Schuld, sondern um Muster, die sich über Jahre bilden, um Räume, die Gefühle erlauben, und um Räume, die sie begrenzen. Es geht um die Art und Weise, wie Emotionsregulation gelernt wird, wie sie sich im Körper niederschlägt und wie sie sich in Beziehungen zeigt, manchmal leise, manchmal laut, manchmal nur im Kollektiv.
Emotionen brauchen Räume, keine Erklärungen
Vielleicht ist das der eigentliche Punkt.
Emotionen fehlen nicht.
Sondern Orte, an denen sie gehalten werden können, ohne dass jemand befürchten muss, zu viel zu sein.
Gedankenimpulse zur Selbstreflexion
- Welche Räume erlauben mir, Gefühle zu zeigen, ohne sie begründen zu müssen.
- Welche Emotionen verschiebe ich in kollektive Situationen, weil sie im Privaten schwerer zugänglich sind.
- Welche Erwartungen an Männlichkeit beeinflussen, wie Männer in meinem Umfeld Emotionen zeigen.
- Welche Rolle spielt Sicherheit für meine eigene Emotionsregulation.
- Welche Gefühle werden in Beziehungen sichtbar und welche bleiben im Hintergrund.
Quelle
Götz, F. M., Stieger, S., Ebert, T., Rentfrow, P. J., & Lewetz, D. (2021).
What drives our emotions when we watch sporting events? An ESM study on the affective experience of German spectators during the 2018 FIFA World Cup.
Collabra: Psychology, 7(1), 1–17. https://doi.org/10.1525/collabra.25376
