Wenn ständige Erreichbarkeit zur Belastung wird: Warum Unterbrechungen entlasten

Heute früh hatte ich in meiner Wohnung einen Internetausfall. Es passiert selten, aber es kann vorkommen. Zunächst war ich gelassen, weil ich wusste, dass die Problemanalyse-App meines Anbieters das normalerweise schnell löst. Als es beim zweiten Versuch immer noch nicht funktionierte, kam kurz Genervtheit auf. Diese wandelte sich jedoch überraschend schnell in Gelassenheit und sogar Erleichterung.

Warum war das so? Zum einen hatte ich keinen anstehenden Onlinetermin. Zum anderen wurde mir bewusst, wie sehr permanente Erreichbarkeit unseren Alltag prägt und wie ungewohnt, fast befreiend es sein kann, wenn diese Verbindung einmal unterbrochen ist.

Genau hier setzt das Thema Entgrenzung an.

Was bedeutet „Entgrenzung“?

Durch digitale Informations- und Kommunikationstechnologien gibt es heute kaum noch klare Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben. Menz, Pauls und Pangert (2016) definieren arbeitsbezogene erweiterte Erreichbarkeit als eine Verfügbarkeit, die sich über die eigentliche Arbeitszeit hinaus auf andere Lebensbereiche erstreckt.

Besonders betroffen sind Berufsgruppen, die freiberuflich oder selbstständig arbeiten, zum Beispiel Künstlerinnen und Künstler, Menschen in sozialen und pädagogischen Berufen oder im Baugewerbe.

Die Folgen können vielfältig sein:

  • Schlafprobleme und geringere Schlafqualität
  • Schwierigkeiten beim Abschalten
  • höhere Erschöpfung
  • geringere Erholung
  • psychische Belastung
  • krankheitsbedingte Ausfallzeiten

Warum Menschen erreichbar sind und warum das nicht nur von außen kommt

Die Studie von Menz et al. (2016) zeigt, dass Erreichbarkeit unterschiedliche Auslöser haben kann.

Äußere Gründe

Manche Menschen müssen erreichbar sein, weil es die Arbeit verlangt. Andere erleben eine Teamkultur, in der ständige Erreichbarkeit als selbstverständlich gilt.

Innere Gründe

Manche Menschen antworten bewusst schnell, um Stress zu reduzieren. Andere entwickeln Routinen, bei denen sie freiwillig häufiger erreichbar sind. Dazu gehören Entlastungsstrategien wie das Prüfen von E-Mails am Sonntag oder das Nutzen von Wartezeiten. Auch proaktive Erreichbarkeitsroutinen spielen eine Rolle, zum Beispiel das regelmäßige Prüfen von Nachrichten, ohne private und berufliche Kanäle zu trennen.

Diese unterschiedlichen Auslöser führen jedoch nicht bei allen Menschen zu denselben Belastungen.

Wann Erreichbarkeit psychisch belastend wird

Belastend wird es vor allem dann, wenn jemand sein eigenes Ideal, zum Beispiel abends offline zu sein, nicht umsetzen kann. Dies geschieht häufig, weil äußere Erwartungen oder innere Muster dagegenwirken.

Vier Typen im Umgang mit Erreichbarkeit

Menschen setzen sehr verschiedene Grenzen ihrer Erreichbarkeit. In der Studie von Menz et al. (2016) werden vier Typen identifiziert, die sich im Umgang und in der Bewertung von Erreichbarkeit unterscheiden.

  1. Glücklich Entgrenzte
    Erreichbarkeit ist gewollt. Sie empfinden ständige Verbindung als Teil ihres digitalen Lebensstils. Sie erleben Erreichbarkeit eher als Ressource denn als Belastung.
  2. Getriebene Entgrenzte
    Sie fühlen deutlichen Druck, erreichbar zu sein. Routinen laufen automatisch und oft ohne bewusste Entscheidung. Sie reagieren mehr, als dass sie gestalten.
  3. Erfolgreiche Grenzzieher
    Sie haben ihre Gewohnheiten angepasst und schaffen es, Erreichbarkeit bewusst zu reduzieren. Sie haben funktionierende Strategien etabliert.
  4. Belastete Grenzzieher
    Sie wissen, dass sie Grenzen brauchen, scheitern jedoch an der Umsetzung und erleben dies als sehr belastend. Sie stecken im Spannungsfeld zwischen Anspruch und Realität.

Wo ich mich selbst verorte

Ich bin ab 20 Uhr offline. Wenn ich doch einmal eine Mail abends lese, spüre ich sofort einen Anflug von Gestresstheit. Tagsüber prüfe ich häufig meine Mails, ohne private und berufliche Korrespondenz zu trennen. Außerdem ertappe ich mich manchmal dabei, abends schon eine Mail vorzuschreiben, obwohl ich weiß, dass sie am nächsten Morgen mit frischem Geist leichter wäre.

Viele Menschen bewegen sich zwischen mehreren Mustern, und genau das ist ein realistisches Bild moderner Erreichbarkeit.

Gedankenimpulse zur Selbstreflexion

  • Wer löst die Erreichbarkeit aus, ich selbst oder andere
  • Warum passiert sie, echte Notwendigkeit oder Gewohnheit
  • Was passiert danach, bleibt es bei einer Nachricht oder folgen neue Aufgaben

Quelle:

Menz, W., Pauls, N., & Pangert, B. (2016). Arbeitsbezogene erweiterte Erreichbarkeit: Ursachen, Umgangsstrategien und Bewertung am Beispiel von IT-Beschäftigten. Wirtschaftspsychologie2(June), 55-66.